Sozialforum Nürnberg

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Veranstaltung: Ein Kampf für eine andere Gesellschaft – Die soziale Revolution in Kobanê/Rojava

Referent: Ulf Petersen

Mitbegründer der Kampagne „Tatort Kurdistan“, Autor eines Beitrages in „Kampf um Kobane“, Hg. Ismail Küpeli.

 

Freitag, 11.03.2016, 19:30 Uhr, Großer Saal, Nachbarschaftshaus Gostenhof, Adam-Klein-Str. 6, Nürnberg.

 

Der Flyer (PDF, 336 KB) und das Plakat (PDF, 224 KB) zum Download.

 


 

Kobanê liegt in den kurdischen Siedlungsgebieten in Syrien an der Grenze zur Türkei (kurdische Bezeichnung: Rojava), die seit 2012 – nachdem sich die bewaffneten Einheiten des syrischen Staates zurückgezogen hatten – faktisch autonom sind. Zurzeit baut die Bevölkerung dort eine neue Gesellschaftsstruktur auf, deren Grundlagen Basisdemokratie, Frauenemanzipation, Säkularität sowie die Gleichberechtigung der verschiedenen Ethnien sind. Parallel zu den sich im Aufbau befindlichen Rätestrukturen bestehen zurzeit die Strukturen einer repräsentativen Demokratie.

 

In den kurdischen Gebieten Syriens organisiert seit den 80er Jahren die PKK (Arbeiterpartei Kurdistans), seit 2003 auch die von der PKK gegründete Partei der Demokratischen Union (PYD), den Widerstand gegen die Unterdrückung der kurdischen Kultur. Die gesellschaftspolitische Diskussion in Rojava ist stark von den in der PKK entwickelten Ideen zu basisdemokratischen und multiethnischen Organisationsstrukturen geprägt. Dieses Konzept wird unter dem Begriff „demokratischer Konföderalismus“ gefasst.

 

Grundlegend für diesen Ansatz sind ein libertärer Sozialismus und insbesondere der Gedanke eines Zusammenschlusses von Basisinitiativen über bestehende Ländergrenzen hinweg – als Alternative (oder auch als Parallelstruktur) zum Nationalstaat. Es geht darum, dass sich Menschen selbst auf der Grundlage ihrer Bedürfnisse und Interessen organisieren – und dabei auch traditionelle, durch Patriachat, Kapitalismus und Nationalismus bestimmte Bewusstseinsstrukturen überwinden. 

 

Abdullah Öcalan, Vorsitzender der PKK 

„Demokratischer Konföderalismus ist offen gegenüber anderen politischen Gruppen und Fraktionen. Er ist flexibel, multikulturell, antimonopolistisch und konsensorientiert. Ökologie und Feminismus sind zentrale Pfeiler. Im Rahmen dieser Art von Selbstverwaltung wird ein alternatives Wirtschaftssystem erforderlich, das die Ressourcen der Gesellschaft vermehrt, anstatt sie auszubeuten, und so den mannigfaltigen Bedürfnissen der Gesellschaft gerecht wird. […]

 

Im Gegensatz zu einem zentralistisch-bürokratischen Verständnis von Verwaltung und der Ausübung von Macht stellt der Konföderalismus eine Art der politischen Selbstverwaltung dar, bei der sich alle Gruppen der Gesellschaft und alle kulturellen Identitäten auf regionalen Treffen, allgemeinen Versammlungen und in Räten äußern können. Dieses Demokratieverständnis eröffnet den politischen Raum für alle Gesellschaftsschichten und berücksichtigt die Bildung verschiedener und vielfältiger politischer Gruppen. Auf diese Weise fördert es auch die politische Integration der Gesellschaft als Ganzes. Politik wird so zum Bestandteil des alltäglichen Lebens […]“

Quelle: Das Modell Rojava, Elke Dangeleit, 12.10.2014, http://www.heise.de/tp/artikel/43/43031/1.html.

 

Jiyan Afrin, YPJ-Kommandeurin
„In unserer Gesellschaft geht es nicht nur darum, unser Land zu verteidigen. Als Frauen nehmen wir in allen Bereichen des Lebens teil, ob wir gegen den IS oder gegen Sexismus und Gewalt an Frauen kämpfen.“ 

Quelle: Dirik, Dilar, Die Frauenrevolution in Rojava, veröffentlicht in Küpeli, Ismail (Hg.) Kampf um Kobanê 

 

Salih Muslim, Ko-Vorsitzender der PYD:
„[…] Wenn ihr jetzt nach Kobanê geht, und die Kämpfer*innen der YPG und der YPJ trefft, werdet ihr sehen, dass sie ganz genau wissen, warum und wofür sei kämpfen. Sie sind nicht dort für Geld oder Interessen. Sie sind dort für elementare Werte, die sie gleichzeitig praktizieren. Es gibt keinen Unterschied zwischen dem, was sie tun und dem, was sie repräsentieren. […]“

Quelle: Dirik, Dilar, Die Frauenrevolution in Rojava, in Küpeli, Ismail (HG), Kampf um Kobanê 

 

PKK-Mitbegründer Cemil Bayik:
„[…] Gemäß Theodor Adornos ‚Es gibt kein richtiges Leben in dem falschen‘ beginnt die Rojava-Revolution mit dem Aufbau des richtigen Lebens. Indem sie von der kreativen Grundeigenschaft der Menschheit ausgeht, wird der Überwindung der tief im Bewusstsein verankerten Struktur des hierarchisch-etatistischen Systems eine besondere Bedeutung beigemessen. Deshalb gilt die Loslösung vom hierarchisch-etatistischen System und seiner aktuellen Version, der kapitalistischen Moderne, als eine unabdingbare Voraussetzung, um wieder Mensch zu werden und das gesellschaftliche Sein auszuweiten […]“ 

Quelle: Ayboga/Flach/Knapp 2015, Revolution in Rojava, S. 18

 

Das auf Profit beruhende Wirtschaftssystem soll überwunden werden. Ein Kampf um die Aufhebung des Privateigentums soll jedoch nur dann geführt werden, wenn die Menschen dies wollen und dies angesichts der politischen Kräfteverhältnisse als umsetzbar erscheint. Zurzeit unterliegt das Privateigentum bestimmten Beschränkungen. Z.B. werden Preise für Nahrungsmittel reguliert oder umweltschädliche Produktionen verboten. Solidarische Wirtschaftsformen sollen gefördert werden, etwa Kooperativen für den Wohnungsbau (vgl. hierzu Interview des Kurdistan Reports mit Dr. Ahmad Yousef, Mitglied der Kantonsverwaltung von Afrîn). 

http://kurdistan-report.de/index.php/archiv/2015/177/219-wir-wollen-die-rechte-der-einfachen-bevoelkerung-schuetzen

 

Die PKK wurde als eine marxistisch-leninistische Partei gegründet. Die PKK setzte sich jedoch schon früh für die Rechte der Frauen ein – eine Konsequenz des Kampfes gegen die feudalen, stark patriarchal geprägten Strukturen der kurdischen Gesellschaft. Die Revolution in Rojava ist nur zu verstehen vor dem Hintergrund der jahrelangen Organisationsarbeit der PKK/PYD. 

 

In der Veranstaltung wollen wir über die Einschätzung der sozialen Revolution in Rojava diskutieren, z.B.:

  • Handelt es sich wirklich um ein emanzipatorisches Projekt, das einer breiten Mehrheit der Bevölkerung Möglichkeiten der Mit- bzw. Selbstbestimmung eröffnet?

  • Die PPK wurde als marxistisch-leninistische Kaderpartei gegründet, ihr Vorsitzender Abdullah Öcalan ist noch heute die nicht kritisierbare Führungsfigur. Der bewaffnete Kampf ist wesentliches Element ihrer Strategie. Kann vor dem Hintergrund solcher Strukturen eine emanzipatorische Gesellschaft aufgebaut werden?

  • Wie ist das politische Konzept von Rojava einzuordnen im Vergleich zu den Bewegungen „Gezi-Park Besetzer_innen“ bzw. des „Arabischen Frühlings“?

  • Wie stehen wir zu Experimenten des radikalen sozialen Wandels, die von nichtwestlichen, marginalisierten und kolonisierten Gruppen initiiert werden?

  • Eröffnet das Projekt in Rojava neue politische (Denk-)Räume, die auch für uns interessant sein könnten? (Z.B. Minderheiten aktiv in Strukturen/Entscheidungen mit einbeziehen).

Veranstalter: Sozialforum Nürnberg in Kooperation mit dem Kurt-Eisner-Verein / der Rosa-Luxemburg-Stiftung.